Über eine Reisereportage aus der Türkei, den Vorwurf politischer Propaganda und die Grenzen journalistischer Unabhängigkeit.

Von Mathias Guthmann

Manche Geschichten lassen einen nicht los. Auch dann nicht, wenn sie längst abgeschlossen scheinen. Seit drei Jahren beschäftigt mich ein Vorgang, bei dem ich auf Wunsch der türkischen Tourismusförderung eine geografisch korrekte Bezeichnung aus einer meiner Reisereportagen entfernte und durch eine andere ersetzte. Ich tat es aus Rücksicht auf eine deutsche PR-Agentur, mit der ich gut zusammenarbeite.

Jetzt würde ich anders entscheiden.

Es ging um eine Reisereportage für Grandgourmand über Trabzon und Rize an der türkischen Schwarzmeerküste. Über Teeplantagen, die Menschen der Region, ihre Landschaft und ihre Geschichte. In meinem Text verwendete ich die Bezeichnung „Pontisches Gebirge“.

Zwei Wörter, die unerwartete Folgen hatten.

Wenn Geografie zum Politikum wird

Das Pontische Gebirge erstreckt sich entlang der türkischen Schwarzmeerküste. Zu seinem östlichen Abschnitt gehört das Kaçkar-Gebirge, der höchste Teil dieses Gebirgssystems. Die Bezeichnung „Pontisches Gebirge“ ist international gebräuchlich; auch die Encyclopaedia Britannica verwendet „Pontic Mountains“.

Geografie ist keine Propaganda.

Dennoch erreichte mich über die deutsche PR-Agentur, die meine Reise betreut hatte, zunächst der Vorschlag, stattdessen „Kaçkar Dağları“ zu schreiben. Später teilte mir deren Geschäftsführer mit, der PR-Chef der türkischen Tourismusförderagentur TGA habe ausdrücklich darum gebeten, „Pontisches Gebirge“ durch „Schwarzmeer-Gebirge“ zu ersetzen.

Ich änderte beide Sprachfassungen meiner Reportage. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Rücksicht auf die Agentur, deren Arbeit ich schätze und die ich nicht in Schwierigkeiten bringen wollte.

Meine damalige Reaktion ist schriftlich dokumentiert:

„Unter Schmerzen habe ich das geändert, es ist natürlich falsch.“

Eine Zeitung entdeckt die Propaganda

Wenig später veröffentlichte die etablierte Trabzoner Regionalzeitung Günebakış einen Artikel über meine Reportage. Die Überschrift lautete sinngemäß: „Günebakış deckt Pontus-Propaganda über Trabzon auf!“

Das klang nach einer staatsgefährdenden Enthüllung. Tatsächlich hatte ich einen geografischen Namen verwendet.

Der Begriff „Pontus“ ist in der Türkei historisch und politisch aufgeladen. Er erinnert an Bestrebungen, nach dem Ersten Weltkrieg einen griechisch-pontischen Staat an der Schwarzmeerküste zu errichten. Nur hatte ich weder einen solchen Staat gefordert noch mich überhaupt mit territorialen Ansprüchen beschäftigt.

Bemerkenswert ist die Zeitung selbst. Günebakış, gegründet im Jahr 2000, versteht sich als unabhängiges regionales Nachrichtenmedium. Ihr Verleger Ali Öztürk betont öffentlich die Bedeutung journalistischer Verantwortung und des Respekts vor den Rechten anderer. In meinem Fall erhob das Blatt einen schwerwiegenden politischen Vorwurf, ohne zuvor meine Stellungnahme einzuholen.

Eine eigenwillige Auslegung journalistischer Sorgfalt.

Der ehrenwerte İsmail Kansız
Der ehrenwerte İsmail Kansız

Ein Direktor außer Dienst

Als maßgeblicher Kritiker trat İsmail Kansız auf, der ehemalige Kultur- und Tourismusdirektor von Trabzon. Kansız war einige Jahre zuvor abberufen worden und hatte seine Wiedereinsetzung gerichtlich erstritten. Die Gründe seiner Abberufung sind nicht abschließend geklärt.

Nun empörte er sich darüber, dass die türkische Tourismusförderagentur meine Reportage verbreitet hatte. Er fragte öffentlich, seit wann die nordanatolischen Berge eigentlich Pontus-Berge hießen, und warf den Verantwortlichen sinngemäß Unwissenheit und Inkompetenz vor.

Eine bemerkenswerte Frage für einen Mann, der jahrelang beruflich mit der Kultur und Geschichte dieser Region befasst war. Denn das von ihm selbst erwähnte Kaçkar-Gebirge gehört zum Pontischen Gebirge. Daran ändert auch diese “Empörung” eines ehemaligen Tourismusdirektors nichts.

Die Zeitung illustrierte seine Stellungnahme mit einem offenbar älteren Foto aus seinem Dienstzimmer: türkische Flagge, Auszeichnungen, die repräsentative Kulisse eines Amtsträgers. Als der Artikel erschien, bekleidete Kansız das Amt längst nicht mehr.

Die Inszenierung eines Feindbilds
Die Inszenierung eines Feindbilds

Die Inszenierung eines Feindbilds

Die Zeitung kritisierte außerdem meine Darstellung der Geschichte des Klosters Sümela und der politischen Verantwortung Atatürks. Über historische Verantwortlichkeiten lässt sich diskutieren; meine damalige Formulierung war möglicherweise zu pauschal. Eine solche Diskussion wäre legitim gewesen. Der Vorwurf politischer Propaganda war es damit noch lange nicht.

Besonders aufschlussreich war die Bebilderung des Artikels. Günebakış montierte mein Porträt mit einer Berglandschaft und einer historischen Darstellung orthodoxer Geistlicher zu einer ausgesprochen demagogischen Komposition.

Aus einem Reisejournalisten wurde ein vermeintlicher politischer Agitator.

Man hatte sich offenbar einige Mühe gegeben. Mich vorher zu fragen, was ich tatsächlich geschrieben und gemeint hatte, gehörte nicht dazu.

Ich wandte mich über die betreuende deutsche PR-Agentur gegen die Anschuldigungen und die Verwendung meiner Fotografien. Die Agentur bemühte sich um Klärung.

Drei Jahre später ist der Artikel noch immer öffentlich zugänglich. Mit meinem Namen, der Fotomontage und dem Propagandavorwurf. Eine Richtigstellung ist mir nicht bekannt.

Meine Reportage hatte ich damals geändert. Die Anschuldigung blieb stehen.

Die Grenzen der Unabhängigkeit

Der Änderungswunsch der TGA erreichte mich über die deutsche PR-Agentur bereits vor Erscheinen des Zeitungsartikels. Eine abgestimmte Vorgehensweise zwischen Tourismusförderagentur und Zeitung ist nicht belegt.

Das ändert nichts an der grundsätzlichen Frage: Wie weit darf eine Tourismusinstitution Einfluss auf die Arbeit eines unabhängigen Journalisten nehmen?

Pressereisen ermöglichen Recherchen und Begegnungen, die sonst häufig kaum zustande kämen. Sie begründen jedoch keinen Anspruch auf redaktionelle Mitbestimmung.

Eine Einladung ist kein Auftrag zur Übernahme der Sprachregelungen des Gastgebers.

Ich habe der Änderung damals selbst zugestimmt. Niemand hat mir die Veröffentlichung verboten, es gab keine behördliche Verfügung. Gerade darin liegt die Schwierigkeit: Einfluss beginnt nicht erst mit einem Verbot. Manchmal genügt eine Bitte, vermittelt durch Menschen, deren Arbeit man schätzt.

Ich habe die ursprüngliche Bezeichnung inzwischen wiederhergestellt.

Die Türkei bleibt für mich ein faszinierendes Reiseland, dessen Menschen, Landschaften und Gastfreundschaft ich in bester Erinnerung habe. An dieser Wertschätzung hat sich nichts geändert.

Anders beurteile ich meine damalige Entscheidung.

Journalistische Unabhängigkeit bedeutet, Einwände zu prüfen und Fehler zu korrigieren. Eine sachlich richtige Aussage allein deshalb zu ändern, weil sie einer Institution missfällt, ist jedoch etwas anderes.

Und wer einen Journalisten öffentlich der politischen Propaganda bezichtigt, sollte mehr vorweisen können als die Empörung eines ehemaligen Tourismusdirektors und eine suggestive Fotomontage.

In meiner Reportage steht deshalb wieder, was dort von Anfang an stand.

Pontisches Gebirge.


Dokumentation

Der Originalartikel der türkischen Regionalzeitung Günebakış ist weiterhin öffentlich zugänglich. Die zeitgenössische E-Mail-Korrespondenz über den Änderungswunsch der türkischen Tourismusförderagentur TGA liegt der Redaktion vor.

Redaktioneller Hinweis: Der Autor ist selbst Beteiligter des geschilderten Vorgangs. Stellungnahmen von Günebakış, İsmail Kansız und der türkischen Tourismusförderagentur TGA stehen noch aus.

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über den Autor

Mathias Guthmann

Mathias Guthmann

Mathias Guthmann ist Journalist, Schriftsteller und Fotograf. Er veröffentlicht Reportagen, Essays, Reiseberichte und literarische Kurzprosa in deutschen und internationalen Publikationen. Seine journalistische Arbeit umfasst insbesondere Kultur, Kulinarik, Wein und Reisen.

Neben dem Schreiben bildet die Fotografie einen Schwerpunkt seiner Arbeit. Seine fotografischen Serien beschäftigen sich mit Architektur, Menschen und urbanen Landschaften.

Mathias Guthmann ist Mitglied der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten (VDRJ).

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