Überlebensgroß: Gwendall Poullennec, rechts daneben die Riege der deutschen Drei-Sterne-Köche

Zum zweiten Mal hintereinander präsentiert der Michelin Guide die neuen Sterne im Gesellschaftshaus in Frankfurt am Main. Einen großen Erfolg feiert Daniel Schimkowitsch, der für L. A. Jordan in Deidesheim den dritten Stern erkämpft. Wie immer sehr emotionale Momente.
“Ich habe Rotz und Wasser geheult”, so Schimkowitsch zu seinen Gefühlen auf der Bühne. Voraussetzung für den Erfolg ist Wille, Ehrgeiz und Ideenreichtum. In Deutschland stehen mittlerweile 13 Restaurants ganz oben auf dem kulinarischen Gipfel. Für L. A. Jordan in Deidesheim wird dieser 23. Juni 2026 sicher als ganz besonderer Tag in die Geschichte eingehen.

Daniel Schimkowitsch, L. A. Jordan, Deidesheim
Im Hintergrund: Daniel Schimkowitsch, sichtlich von der Bedeutung des Augenblicks ergriffen…

Die Mühle in Schluchsee mit Chef Fabian Obergfell steigt auf zwei Sterne. Seine Küche im französischen Stil mit einem Hauch Schwarzwald überzeugt Inspektoren und Gäste. In Frankfurt fliegt Niclas Nußbaumer mit seinem the dune in neue Sterne-Galaxien. Gratulation. THE CLOUD by Käfer mit Jens Madsen schafft es mit einem Traumstart von null auf zwei Sterne und hinterlässt bei uns Journalisten teils fragende Gesichter. Von null auf zwei?

Ohne das Können der ausgezeichneten Chefs in Frage zu stellen: Eine schwierige Entscheidung.

Blick auf die Galerie, die Teams fiebern mit!

Leider nicht anwesend ist Gwendal Poullennec, internationaler Direktor des GUIDE MICHELIN, sehr schade, zumal es ein Jubiläum zu feiern gibt: 60 Jahre Michelin Guide Deutschland. Die drei Fragen, die ich an ihn gerichtet hätte, stelle ich hier. Ich gehe davon aus, dass er sie nie zu lesen bekommt:

FRAGE 1:
Monsieur Poullennec, der Guide Michelin lebt seit Jahrzehnten durch seine Geheimhaltung. Niemand weiß, wer aufsteigt, wer einen Stern verliert oder wie die Entscheidungen im Einzelnen zustande kommen. Ist genau dieses Informationsvakuum das eigentliche Erfolgsgeheimnis des Guide Michelin?
Zu dieser Frage zitiere ich einen Ausschnitt eines Pressetextes des Michelin Guide:

Mythos: „Der MICHELIN Guide bewertet völlig im Dunkeln – niemand weiß, nach welchen Kriterien Restaurants beurteilt werden.“
Realität:
 Die Kriterien, nach denen der MICHELIN Guide Restaurants bewertet, sind klar definiert und gelten weltweit einheitlich. Zu den fünf Kriterien gehören die Qualität der Produkte, das Know-how der Küchenchefs, die Originalität der Gerichte, die Beständigkeit über die gesamte Speisekarte hinweg sowie Beständigkeit über einen längeren Zeitraum.


Das ist korrekt, hat aber mit internen Vorgängen nichts zu tun, denn die bleiben nach wie vor unter dem Mantel der Verschwiegenheit.

FRAGE 2: Sie und Ihr Team wissen lange vor der Veröffentlichung, wer einen Stern erhält und wer ihn verliert. Gleichzeitig wissen Sie, dass diese Entscheidungen Existenzen verändern können – im positiven wie im negativen Sinn. Gibt es Momente, in denen Sie bei solchen Entscheidungen auch emotional werden?

FRAGE 3: Wenn wir uns zehn Jahre in die Zukunft versetzen: Wird es Restaurants geben, deren kreative Prozesse maßgeblich von künstlicher Intelligenz unterstützt werden – und wäre das aus Sicht des Guide Michelin überhaupt relevant?

Die letzte Frage ist von großer Bedeutung. Sie führt fast zwangsläufig zur Philosophie des Guide. Denn Poullennec muss sich dazu positionieren, was Michelin eigentlich bewertet. Nicht Technik. Nicht Software. Sondern den schöpferischen Menschen hinter dem Teller. Man stelle sich einfach vor, die Chefs würden mittels KI ihre Kreationen optimieren (ich gehe davon aus, dass das schon der Fall ist). Bewertet der Guide in einigen Jahren KI-Kreationen?

Der Michelin Guide

Moderiert wird die Gala von Aljoscha Höhn, der das schon seit vielen Jahren professionell und routiniert macht.
Mir fehlt an diesem Abend der Tiefgang, die Beschäftigung mit den fundamentalen Kriterien der Kulinarik, ein wenig geistreiche Konversation, auch wenn das “nur” eine Gala ist.
Belehrende Zwischensätze wie: “Zwei Sterne? Einen Umweg wert”, darf man sich angesichts des fachkundigen Publikums gerne sparen. Höhn zieht den Abend lakonisch durch. Als hätte er keinen Bock darauf, um es einmal salopp zu formulieren.

Ich stimme meinem Kollegen Jürgen Dollase zu, der in seinem Blog EAT – DRINK – THINK schreibt:

“Es gab keinerlei aussagekräftige Bilder von den Gerichten der Preisträger. Alles Gerede spielte sich in einer Art luftleeren Raum ab, ohne konkreten Bezug, ohne konkrete Aussage darüber, warum denn eigentlich die Ehrung ausgesprochen wurde.”

Hervorragende Michelin Küche nach der Gala

Mich lässt der Eindruck nicht los, dass der Guide sich viel mehr feiert, als die Köche. Es fehlt der Respekt zu den eigentlichen Protagonisten, den Küchenchefs und ihren Teams.
Für die deutsche Spitzengastronomie freue ich mich außerordentlich, jeder weiß, wieviel Einsatz, Schweiß, Tränen und Zeit erforderlich sind, um ganz nach oben zu kommen.

Hier ein paar Impressionen von der Gala:

Zum letzten Mal mit dabei: Sven Elverfeld
Andreas Krolik bei der Arbeit
cocktailempfang
Cocktails im Palmengarten
Bei der Arbeit
Bei der Arbeit
Gespanntes Warten

Eine Liste aller Sterne-Restaurants, Michelin Guide 2026 finden Sie hier…

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über den Autor

Mathias

Mathias Guthmann schreibt unter anderem für kulinarische Zeitschriften und den Schachsport. Seine Essays, Reiseberichte und Kurzgeschichten haben eine hohe Reichweite und werden in verschiedensten Fachmagazinen, auch international, publiziert. In der freien Wirtschaft berät der Autor eine Firma zu PR-Strategien. Der Autor ist Mitglied in der VDRJ, der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten

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