Von Trabzon nach Rize, auf den Spuren des Çay

Editorial


Man kennt meine Texte in der Welt der Kulinarik. Seit einigen Jahren schreibe ich in meinen Reisereportagen über das Thema, unterwegs gut essen wollen wir alle.
Auf dieser Reise interessiert mich das einfache Essen, regional, ehrlich, echt!

In den Höhenlagen des Schwarzmeer-Gebirges (Türkisch: Kaçkar Dağlar) isst man gerne deftig.
Die Gerichte sind “alpenländisch” geprägt, dem einsamen Leben auf den Almen angepasst.
Milch und Milchprodukte, Getreide und Mehlspeisen.
Einen wunderbaren Käse bekommt man dort.
Schon zum Frühstück verspeist man gerne ein kräftiges “Muhlama”.

Zunächst bereitet man dafür eine Roux (Einbrenne) aus Maismehl, Butter und Wasser. Veredelt wird der Ansatz mit Käse, im Prinzip nichts anderes als ein Fondue, wobei letzteres ohne Mehlschwitze auskommt.

Der Joghurt in der Türkei ist Spitzenklasse, jeder weiß das!

Begeistert hat mich das Türkische Brot in all seinen Varianten, es gibt eine große Auswahl, viel größer, als man hierzulande ahnt.
Maisbrot mit knuspriger Kruste, große Weißbrote aus ausgezeichnetem Mehl, traditionell und per Hand in den örtlichen Bäckereien hergestellt. Wenn irgendwo gebacken wird, steigt ein verführerischer Duft in die Nase.

Spitzenpatissiers westlicher Prägung vertrauen der Haselnuss aus Piemont. Ich darf Ihnen aber versichern, dass mir einige süße Stücke mit der Türkischen Haselnuss kredenzt wurden, die mich überzeugt haben. Manche davon sogar mit einer Spur weniger Zucker, den liebt man dort bekanntlich sehr.

Fisch ist ein großes Thema, die Sardellen sind überregional beliebt. In den Gebirgstälern gibt es Forellen. Zumeist wird der Fisch in der Pfanne knusprig gebraten, so schmeckt er den Leuten dort am besten.

Im Mittelpunkt der Reise steht der Çay, über den der Leser bald mehr erfährt.
Echte Gourmandise ist bei der Teeprobe gefragt, eine ernsthafte Angelegenheit, bei der die Geschmackssinne geschärft sein müssen.
Da hilft natürlich die jahrelange Routine in Wettbewerben und die Erfahrung aus zahlreichen kulinarischen Degustationen und Restaurantbesuchen.

Ich liebe den Türkischen Tee! Kaum in Deutschland gelandet, habe ich mir die nötige Çay-Ausrüstung für kleines Geld beim Türkischen Händler meines Vertrauens besorgt.
Seitdem ist er in unserem Haushalt nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken.

Der Çay schmeckt dezent aromatisch, enthält nicht so viel Coffein und ” legt sich wunderbar in den Magen”.

Freundliche Menschen, gutes Essen und eine exotische Landschaft.
Erwarten Sie in dieser Reportage bitte keine ausführlichen Degustationsnotizen, es geht um die Natur, ihre Bewohner und ihre Geschichte.
Vielleicht kann ich ja ein klein wenig Neugier bei Ihnen wecken, auf dieses grüne Land weit weg vom üblichen Massentourismus.

Ihr Mathias Guthmann


Die türkische Schwarzmeerküste verzaubert ihre Besucher mit wildromantischen Tälern, exotisch anmutenden Teebergen und der Geschichte längst vergessener Kaiserreiche.

Während die Mittelmeerhochburgen für ihre schönen Strände berühmt sind, Istanbul sein kosmopolitisches Flair pflegt, der Westen mit den Wunderwerken der Antike lockt, überzeugt die Schwarzmeerküste mit ihrer großzügigen Natur.

Ein grünes Land mit mächtigen Felsformationen, sprudelnden Wasserfällen, klaren Gebirgsbächen, alten Klöstern und versteckten Bergdörfern.
Çay, der türkische Tee, überzieht die Berghänge und so erscheint es dem Besucher bisweilen, er wäre irgendwo in China oder Indien unterwegs, eine zauberhafte Fata Morgana, deren Reizen er sogleich erliegt.
 
Wir reisen durch eine wilde, vom Massentourismus weitestgehend verschonten Natur!


In Trabzon, der geschäftigen Provinzhauptstadt, stoße ich auf  Kollegen aus Belgien, Polen und Bulgarien.
Gemeinsam wollen wir in den nächsten Tagen das Geheimnis des Çay lüften, dem Lieblingsgetränk aller Türken.
Es trifft sich eine interessante und sympathische Journalistengruppe, eingeladen von GoTürkiye, der großen Agentur, die zusammen mit der TGA vor Ort touristisches Potenzial stärkt und fördert.


Von Trabzon zum Kloster Sümela fährt man eine gute Stunde…

Sümela

Erstes Ziel ist das Kloster Sümela im Schwarzmeer-Gebirge (Türkisch: Kaçkar Dağlar) , es liegt auf knapp 1100 Metern Höhe in atemberaubend schöner Lage.
Von Trabzon fährt man ca. eine Stunde. Entweder mit dem Mietwagen, Fahrkünste der gehobenen Art sind gefragt, oder besser mit einer geführten Tour.

Um die Gründung des Klosters rankt sich eine blumige Legende. Zwei Engel sollen einst eine vom Evangelisten Lukas gemalte Marien-Ikone ins Schwarzmeer-Gebirge (Türkisch: Kaçkar Dağlar) getragen haben.
Barnabas und Sophronius, zwei Wandermönche aus Athen entdecken das Marienbildnis und beschließen, an der gleichen Stelle eine Kapelle zu errichten.
Die Episode soll sich im Jahr 385 nach Christus zugetragen haben, schon damals ist die Gegend besiedelt!

Die ältesten erhaltenen Gebäude stammen aus der Komnenenzeit und datieren in das 14. Jahrhundert, also in die Zeit des Kaiserreichs von Trapezunt unter Alexios III.
Selbst nach der Eroberung durch die Osmanen im Jahre 1461 bleibt das Kloster bestehen und wird zu einem wichtigen Wallfahrtsort.

Innen- und Außenwände der Felsenkirche sind mit Fresken aus der Zeit Alexios III. geschmückt. Nicht alles ist erhalten, der Zahn der Zeit hat unübersehbare Spuren hinterlassen.

Die Fresken zeigen biblische Szenen, Porträts von Alexios und Manuel waren einst vorhanden, haben die Zeit nicht überdauert.

Erst in spätosmanischer Zeit, also im 19. Jahrhundert erhält das Kloster sein heutiges Aussehen.
In Sümela pflegen die Mönche über die Jahrhunderte eine umfangreiche Bibliothek. Einige der Manuskripte sind in Ankara zu besichtigen.
Viele sog. Tetraevangelien (die vier Evangelisten) aus byzantinischer Zeit befinden sich in der Hagia Sophia in Istanbul.

Tipp: Wenden Sie sich direkt in Ihrem Hotel an die Rezeption. In Trabzon gibt es gute Angebote für Ausflüge nach Sümela in verschiedenen Preiskategorien. Bequem buchen können Sie auch auf der Plattform GetYourGuide, was den Vorteil hat, früher planen zu können.

Trabzon

Das historische Viertel Orta Malhalle in Trabzon eröffnet herrliche Ausblicke auf Stadt und Meer.
In der hügeligen Stadtlandschaft stehen – wohlproportioniert – schöne Villen, im 19. Jahrhundert von recht wohlhabenden türkischen Geschäftsleuten erbaut.

Während der russischen Besetzung im ersten Weltkrieg flüchten die Eigentümer. 1918 verlassen die Russen wieder die Stadt, die griechische Bevölkerung gerät unter Druck.
Türkische Einheiten sichern sich die Kontrolle über die Stadt.
Ganz kampflos will man sich aber nicht ergeben und gründet eine griechische Unabhängigkeitsbewegung, endgültig neu gemischt werden die Karten aber im Griechisch-Türkischen Krieg (1919-1922), aus dem Griechenland als Verlierer hervorgeht.
Die griechische Bevölkerung wird umgesiedelt, zurück bleiben nur zum Islam konvertierte Griechen.


Heute ist das Viertel urbanisiert, man schlendert durch die hübschen Gassen, erholt sich in einem der netten Cafés vor Ort ein wenig von den Strapazen und genießt die schöne Aussicht.
Beliebt ist übrigens die frisch gepresste Blaubeer-Limonade, ich kann sie nur empfehlen!

Werke von Isgüzar Karagöz
Isgüzar Karagöz, eine tolle Kunsthandwerkerin

Das Foto zeigt Isgüzar Karagöz, eine ausgezeichnete Künstlerin, die mit ihren Werken über die Grenzen Trabzons bekannt ist.
Ihre fantasievollen Keramiken sind teilweise wirklich spektakulär. Karagöz genießt nicht nur einen Ruf als Meisterin ihres Fachs, sondern hat in ihrer langjährigen Karriere über 3500 Schüler und Studenten ausgebildet.
Sie wurde mehrfach ausgezeichnet und hat an zahlreichen internationalen Ausstellungen teilgenommen.

Das Kaiserreich Trapezunt und die Hagia Sophia

Trapezunt, ein Name der klingt wie aus einer Erzählung aus 1001 Nacht.
Im Gegensatz zu den phantastischen Geschichten der Sheherazade jedoch, ist Trapezunt einst ein blühendes Kaiserreich, entstanden nach dem Ende Konstantinopels im Jahre 1204, als Venezianer und Kreuzfahrer die Stadt besetzen und das Lateinische Kaiserreich ausrufen.

Über Konstantinopel vor dieser welthistorisch einschneidenden Eroberung schreibt der Chronist Niketa Choniates:


O Stadt, Stadt, Auge aller Städte, universeller Stolz, überirdisches Wunder, Amme der Kirchen, Anführerin des Glaubens, Führerin der Orthodoxie, geliebtes Predigtthema, Hort aller guten Dinge.

(Choniates 576)

Liest man diese Sätze, fragt man sich unwillkürlich, was bis zur Rückeroberung im Jahre 1261 geschieht, schließlich ist die antike Metropole bis dahin ein Mittelpunkt der religiösen Welt.
Gibt es eine Exilregierung? Welche Maßnahmen werden ergriffen, um den Glauben an ein gottgegebenes Reich zu fördern und zu erhalten?

Eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielt Johannes III. Dukas Vatatzes, der die Reste des Byzantinischen Reichs organisiert. Die Ostgrenze sichert er durch ein Abkommen mit den Seldschuken.

Parallel entsteht das Kaiserreich Trapezunt, ein greifbares Symbol für eine andersartige Definition von Byzanz und der byzantinischen, kaiserlichen Macht.

Etwa um 1255 wird die Hagia Sophia in Trabzon vollendet. Die Kirche zeugt von verschiedenen stilistischen Einflüssen und spiegelt Willen, Macht und Politik des Herrschers Manuel I (Trapezunt) Komnenos (1218-1263) wider.

Die Geschichte Trapezunts beginnt aber nicht mit Manuel I, sondern mit Alexios I Komnenos, der ab 1214 neue Kirchen und Paläste baut.
An erster Stelle steht die Neugestaltung der Panagia Chrysokephalos als Krönungskirche.
Militärische Misserfolge zwingen Alexios seinen Anspruch auf das Reich anders zu formulieren, er festigt ihn durch Zeremonien, Feierlichkeiten und Prunkbauten.

Die Nachfolger Andronikos I Gidos und Manuel I führen im Prinzip die Baupolitik ihres Vorgängers einfach weiter.
Die Hagia Sophia in Trabzon erzählt uns viel über die kulturelle Ausrichtung von Trapezunt und darüber, welche anderen Kulturen Einfluss auf den Bau ausgeübt haben.

Eine schöne Kirche, ein architektonisches Kleinod mit wunderbaren Fresken einer gut erhaltenen Kuppel und vielen interessanten dekorativen Elementen.
Eine besondere Bedeutung hat das Fries am Südportal, für rein Byzantinische Bauten die absolute Ausnahme.

Es zieht sich waagrecht über das gesamte Bogenfeld des Portals. Die sieben Szenen auf den Steinblöcken werden von rechts nach links gelesen. In Szene 1 ganz außen rechts erschafft Gott Adam und Eva. Aus einem Nimbus in der oberen rechten Ecke des breitrechteckigen Blocks erscheint die Hand Gottes und überträgt den Segen von Adam, der auf den Ellbogen gestützt zwischen den Pflanzen des Paradieses am Boden liegt, auf Eva.

Szene 2 zeigt den Sündenfall, als Eva, mit einem langen Gewand bekleidet und nach rechts blickend, mit ihrer linken Hand nach oben greift, um den verbotenen Apfel zu pflücken. Die beiden folgenden Steine der Szene 3 sind recht ausgewaschen: Eva und Adam stehen sich gegenüber, während sie ihm den Apfel reicht.

Tipp: Nach einem langen Sightseeing empfiehlt sich Trabzon Zentrum mit seinen vielen, teilweise ausgezeichneten Restaurants. Die Köfte in der Gegend sind sehr gut!


Hasan Tabakoğlu: Kazazlik

Kazazlik ist eine uralte Gold- und Silberschmiedetechnik, es sind die Lyder, die das begehrte Geschmeide in den gesamten Mittelmeerraum exportieren, wo sich gekrönte Häupter und Vertreterinnen der antiken Upper-Class gerne damit schmücken.

Die Lyder prägen zunächst Elektron und später Goldmünzen mit Löwenköpfen bzw. Löwen- und Stierköpfen, sie sind Experten ihres Fachs.
Der Leser kennt sicher einen der interessantesten Herrscher des Lydischen Volkes: Krösus, der durch seinen sagenhaften Reichtum in die Geschichte eingeht.
Seine Schätze bezieht der Lyderkönig aus dem natürlichen Rohstoffreichtum Kleinasiens, dem Gold aus dem Fluss Paktolos und aus den Bergwerken zwischen Atarneus und Pergamon!
Die Tributzahlungen der eroberten griechischen Städte und die Steuerleistungen aus Handel und Wirtschaft stellen eine weitere Einnahmequelle dar.
Zwar ist Krösus gemessen an der Zahl seiner Untertanen relativ reich.
In den Augen persischer Könige dürfte er aber eher ein Nobody gewesen sein, die nämlich konnten förmlich in Rubinen, Smaragden und Gold baden, Dagobert Duck hätte seine Freude daran gehabt.

Es hieß also damals schon: Diamonds are a Girls best Friends!

Inzwischen gibt es nur noch ganz wenige Meister, die in der Lage sind, Schmuckstücke so aufwändig herzustellen.
Einer von Ihnen ist Hasan Tabakoğlu, der sein Atelier in der Altstadt Trabzons betreibt, es liegt gut versteckt in einer Passage mitten im belebten Zentrum.
Seit über 50 Jahren verwandelt er Edelsteine, Gold- und Silberdraht in feinstes Geschmeide, wie schon sein Vater vor ihm, der ihm das Handwerk einst beibrachte.

Tabakoğlu erklärt uns, wie seine sublimen Anhänger, Ketten, Ringe und Diademe entstehen. Hauchdünne Gold- und Silberdrähte werden zu tausenden winzigen Knoten verdreht. Auf jeden Zentimeter kommen hunderte dieser Knoten, bis am Ende eine Gold- oder Silberkette entsteht die seinesgleichen sucht.
Für die Ketten gibt der Goldschmied eine Garantie von 100 Jahren, das ist ein Wort.

Wir selbst durften uns davon überzeugen, dass der Schmuck praktisch unzerstörbar ist, erst unter den Reifen eines 40-Tonners könnte es unter Umständen zu Beschädigungen kommen, sagt Tabakoğlu.
Für seine Arbeiten wird ausschließlich Silber mit einem Feingehalt von 1000 und Gold mit einem Feingehalt von 24 Karat verwendet, das Feinste vom Feinsten!

Jedes einzelne Schmuckstück erfordert etwa 7-10 Tage für die Herstellung, betont Tabakoğlu und unterstreicht, dass einst die Sultane und ihre Gemahlinnen im Osmanischen Reich stolz den Kazaziye-Schmuck trugen.

Seine Inspiration holt sich der Meister gerne bei seinen Vorgängern in der Antike, einige der eleganten Stücke sind auch in den Residenzen Topkapi und Dolmabahçe zu besichtigen. Selbstredend wurde der türkische Spitzenjuwelier mit Auszeichnungen überhäuft, ich finde, er ist trotzdem ein sympathischer und bescheidener Mensch geblieben, was nicht jedem gelingt, der solche Erfolge hat.

Adresse:
Kemerkaya mah. Kunduracılar Caddesi Alipaşa Çarşısı no:37 Trabzon/Türkiye

Sein Atelier befindet sich in einer kleinen Passage in der Altstadt, nicht leicht zu finden.

Rize


Çay

Die türkische Teetradition ist nicht so alt wie manch einer denken mag. Bis in das 19. Jahrhundert ist der Türkische Mokka das beliebteste Getränk.
Kaffee wird importiert, nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches explodieren die Preise und man macht sich auf die Suche nach Alternativen.

Erste Versuche, den Tee in der Türkei heimisch zu machen scheitern an der Trockenheit.
In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts stellt sich schließlich in Rize am Schwarzen Meer der Erfolg ein. Das Klima dort ist mild und äußerst regenreich, außerdem bietet das Schwarzmeer-Gebirge (Türkisch: Kaçkar Dağlar) mit seinen hohen Bergen ausgezeichnete Voraussetzungen für den Anbau.
Der Siegeszug ist nicht mehr aufzuhalten.
Heute schlägt der Teekonsum in der Türkei alle Rekorde, durchschnittlich trinkt man dort jährlich 2,8 KG Tee pro Kopf. Als Tee-Export-Nation steht die Türkei noch am Anfang und kann mit den riesigen Mengen, die aus Indien, Sri Lanka und China weltweit verschifft werden, nicht mithalten.

Üblicherweise wird der Çay mit einer Teeschere geerntet bevor der komplizierte Prozess der Fermentierung, Reifung und manchmal auch der Röstung beginnt.
Besonders edle Grüntees werden von Hand geerntet und verarbeitet, bis sie schließlich beim anspruchsvollen Teekonsumenten landen.

Getrunken wird der Tee aus sog. Teetulpen, zubereitet wird er im Caydanlik, einem zweistöckigen Teekocher.

Es gibt mehrere Ernten, am mildesten ist der Mai-Tee, etwas würziger und leicht bitterer sind die Späternten im Juli und September.

Auch vor der Region um Rize macht der Klimawandel nicht halt. Am besten wachsen die Pflanzen, wenn es nachts nicht zu kalt ist. In den letzten zwei Jahren ist die Ernte aufgrund von Temperaturschwankungen nicht mehr ganz so optimal ausgefallen, trotzdem ist und bleibt die Teeindustrie rund um Rize der größte Arbeitgeber mit ca. 400.000 Beschäftigten.


Çaymer, eine Teeprobe

In der gesamten Türkei werden etwa 225-230 Tausend Tonnen Tee pro Jahr produziert, allein auf Rize entfallen etwa 85% der Gesamtproduktion, das ist ein Wort.

Vor einigen Jahren gab es sogar ein, von der Europäischen Union und der Republik Türkei finanziertes “Tea Taster Training Project“, damals wurden jugendliche Arbeitslose an das Thema herangeführt, qualifizierte Jobs in der Branche sind begehrt!
Solche Projekte sind sinnvoll und dienen der Verständigung über Grenzen hinweg.

Wir besuchen gemeinsam das Teeforschungs- und Anwendungszentrum (ÇAYMER), das im Jahre 2018 mit einer Finanzierung von 10 Millionen Euro durch die Europäische Union und der Türkei in Betrieb genommen wird um die Wettbewerbsfähigkeit der Teeindustrie um Rize wettbewerbsfähig zu halten.
Seitdem liefert das integrierte, hochmoderne Forschungslabor zuverlässige Zahlen und neue Erkenntnisse rund um den Çay.


Fachkundig führt uns Muhammet Çomoğlu durch die einzelnen Schritte der Teeproduktion, ein komplexer Prozess, bei dem es auf Genauigkeit und Erfahrung ankommt. Die einzelnen Schritte reichen von der Lagerung, der Erhitzung über die Fermentierung, die Röstung bis hin zur Verpackung.

Schließlich gilt es, verschiedenste Çays auf Aussehen/Erscheinung, Aroma, den Körper, Geschmack und das Finish zu testen.
Beim Aussehe beurteilen wir Klarheit und Farbe, beim Aroma die Komplexität, bestimmte Nuancen sollen vorhanden sein.
Beim Körper geht es um Ausgewogenheit und um das Mundgefühl. Beim Geschmack soll zum Beispiel, Holz, Rauch, Tabak, Vanille, Metall etc. erkannt werden. Und schließlich der Abgang, kurz, lang, anhaltend, Echo, kein Echo etc.

Eine gute Teeprobe und bei einigen von uns vielleicht der einzige Tag, an dem später lieber Raki getrunken wurde.

Verwunschene Orte…

Auf einmal landet man in einer längst vergangenen Zeit.
Das geschieht im Caglayan-Tal bei Fındıklı, wo plötzlich eine uralte, winzige Siedlung mit armenischen Häusern vor unseren Augen auftaucht.
Es gibt ein paar hölzerne Lagerhäuser die auf Stelzen gebaut sind um Nagetiere fernzuhalten.
Das verwitterte Holz hat in über 200 Jahren viele Generationen kommen und gehen sehen.

Niemand lässt sich blicken, irgendwo bellt ein Hund. Ein wohliger Schauer läuft mir über den Rücken. Die Szenerie ist gleichzeitig schön und unheimlich.

Die perfekte Location für einen Mystery-Thriller. Wer mag wohl hier mitten in der Wildnis wohnen?
In der Region gibt es übrigens einige Wanderwege, besonders die Pfade auf den berühmten Hochebenen wie dem Ayder-Plateau sind beliebt.
Dem Wanderer sei empfohlen sich am besten einer Gruppe mit einem ortskundigen Guide anzuschließen.

Tipp: Ganz in der Nähe stehen die Teona Bungalows mit einem angeschlossenen Restaurant. Die Holzbungalows bieten allen nützlichen Komfort, der Gebirgsfluss Büyük fließt direkt unter dem Fenster vorbei.
Man kann dort auch hübsche Wanderungen ohne Guide unternehmen.

Wir selbst waren dort untergebracht. Die noch junge Aygül Kartal führt das Restaurant und ist für das Hotel verantwortlich, sie macht das gut, wie ich finde.
Es gab am Abend eine schöne Forelle. Sollte ich wieder in die Gegend kommen und wenn Aygül daran interessiert ist, werde ich ihr gerne in der großzügigen Küche zeigen, dass es für den Fisch noch feinere Zubereitungsarten gibt, auch mit einfachsten Mitteln.
Natürlich empfehle ich das Restaurant, man genießt dort regionale Produkte, sehr guten Käse, alles ganz frisch zubereitet, toll!

Unterwegs zum Gito Plateau

In Rize gibt es ein geflügeltes Wort, dort sagt man, es regne nur zwei Mal pro Woche, einmal von Sonntag bis Mittwoch und einmal von Donnerstag bis Samstag. Es ist Freitag, verdammt!
Wir machen uns nichts daraus und folgen dem Firtina-Fluss in Richtung Zil Kale.
Der Fluss ist touristisch erschlossen, wer Rafting betreiben will, der ist hier an der richtigen Stelle.

Immer wieder spannen sich filigrane Bogenbrücken aus Osmanischer Zeit elegant über die Ufer.
Wir passieren die Ortschaft Şenyuva, wo vor längerer Zeit die beliebte Telenovela “Sevdaluk” gedreht wurde.

Handlung:
Eine kleine Gemeinde am Ufer des Schwarzen Meeres muss sich mit den Problemen des Alltags herumschlagen, unter anderem mit gierigen Kapitalisten, die das Land an sich reißen wollen.
Alt und Jung, Moderne und Tradition treffen aufeinander. Mittelpunkt des Geschehens ist natürlich das Dorfcafé wo man Liebesbeziehungen beginnt oder beendet und sich ganz nebenbei infame Intrigen ausdenkt, ganz wie im echten Leben, wunderbar, Telenovelas sind eine feine Erfindung.

Wir trinken in diesem Café einen schönen Çay. Dazu gibt es Haselnussgebäck.

Zil Kalesi


Die Burg ist reinstes Mittelalter.
Erbaut wahrscheinlich im 5. bis 6. Jahrhundert am Rande einer hohen Klippe, etwa 1200 Meter über dem Meeresspiegel, wie seinerzeit üblich zu Kontroll- und Wehrzwecken.
In byzantinischer Zeit ein Bollwerk gegen Angreifer aus dem Osten.
Möglicherweise war die Burg in osmanischer Zeit als Checkpoint für Karawanen noch von Bedeutung.

Schon wegen der fantastischen Aussicht ein tolles Ziel! Empfehlung!

Irgendwann wird die Straße zur Abenteuer-Piste, als wir endlich das berühmte Gito-Plateau (erreichen regnet es und der Nebel verdeckt die Sicht.

Man kann nie wissen, wie sich das Wetter in den Bergen entwickelt. Zeigt sich das Kloster Sümela vor einigen Tagen von seiner besten Seite, so versteckt sich heute das Gito Plateau (2032 Meter über dem Meeresspiegel) im dicken Nebel, genau wie das Ayder Plateau, das auch noch auf dem Programm steht, darüber schreibe ich ein anderes Mal.
Es gibt schlimmeres liebe Leser. Unser Fahrer bereitet höchstpersönlich auf dem Berg noch einen wunderbaren Çay und wir werden auch sonst auf das freundlichste bewirtet.

So wie während der ganzen Reise. Ich habe die Menschen dort ins Herz geschlossen, sie wissen, wie schön ihre Heimat ist und geben dieses Gefühl gerne an den Besucher weiter. Man ist dort gleichzeitig stolz und zurückhaltend, das ist sympathisch!

Tipps:

Flüge nach Trabzon gibt es von vielen deutschen Flughäfen.
Zum Beispiel mit Turkish Airlines.

Zur Hauptsaison bietet günstige Fluglinie Pegasus sogar einige Direktflüge. Fast immer gehen die Verbindungen aber über Istanbul.

Hotels:

In Trabzon ist das Novotel eine gute Empfehlung. Es gibt dort sogar einen großen Strand.
Empfehlen kann ich auch das Ricosta in Rize, etwas hochpreisiger, aber sehr gut!

In den Bergen gibt es schöne Bungalow-Anlagen, die Wert auf nachhaltigen Tourismus legen, wie die in der Reportage empfohlenen Teona-Bungalows.

Regenzeug und feste Schuhe sind zu jeder Jahreszeit zu empfehlen, besonders wenn man in den Bergen unterwegs ist.

Burak Avci

Sehr gut kennt sich Burak Avci von tamitur aus. Er bringt Sie sicher in alle möglichen, interessanten Destinationen rund um Rize.

Viele Informationen gibt es auch direkt bei GoTürkiye.
Falls Sie mehr Details wissen wollen, scheuen Sie sich nicht, mich direkt zu kontaktieren.

Reprinting, integration into digital media of all kinds, including excerpts, only with the express permission of the author. ©grandgourmand/Mathias Guthmann

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über den Autor

Mathias

Mathias Guthmann schreibt unter anderem für kulinarische Zeitschriften und den Schachsport. Seine Essays, Reiseberichte und Kurzgeschichten haben eine hohe Reichweite und werden in verschiedensten Fachmagazinen, auch international, publiziert. In der freien Wirtschaft berät der Autor eine Firma zu PR-Strategien.

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